Gefühle

Die Erregungsbahnen verlaufen von den Rezeptoren zu den Erfolgsorganen. Eine Ursache bewirkt kausal eine Reaktion. Zu Beginn der Evolution war dies noch einfach. Aber mit zunehmender Differenzierung ergeben sich Handlungsalternativen. Eine Erregungsbahn würde dorthin, die andere dahin steuern (Beispiele: Flucht oder Angriff, diese oder jene Frucht greifen). Es wäre ein Hin und Her am motorischen Ausgang. Also bedarf es einer Koordinierung, einer Hemmung antagonistischer Kausalität.

Arbeitsthese: Dies realisieren neurobiologisch hemmende Synapsen. Psychologisch wird dies als Wille sichtbar.

1. Der Wille

Wenn der Wille koordiniert, dann läßt sich folgern:

2. Gefühle

Dort, wo der Wille Handlungen verhindern kann, können die Erregungsbahnen nicht mehr bestimmen, sondern nur fordern. Der Wille wird drängt. Und nachfolgend die Entscheidungen des Willens bewertet. These: Und genau dies wird in den Gefühlen spürbar. Die Gefühle drängen den Willen, dies oder jenes zu tun (Appetenz) und bewerten die Entscheidung des Willens (Positiv- und Negativgefühle).

Gefühle entstehen also nicht in strukturell sichtbaren Zentren (das lymbische System sei hier genannt), sondern in funktionell tätige Erregungsbahnen.

Zitat aus Gehirn&Geist, Ausgabe 6/2003, Seite 77): "Wie entscheiden wir uns, jetzt tatsächlich zu handeln ? Hier kommen die Gefühle ins Spiel. Beim Lernen wird einer erinnerten Sequenz ein qualitativer Wert zugewiesen. Wenn eine Handlungsfolge zu einem positiven Ergebnis führte, dann verstärken sich die Nervenverbindungen, die für dieses Ergebnis verantwortlich waren - die Erinnerung festigt sich."Die obige These gemeinsam mit dem Bahnmodell geben eine Antwort,

Die Erregungsbahnen legen fest, wie eine Erregung verläuft. Die Erregungsleitung im Neuron wird überwiegend dissipativ realisiert. D.h. eine Erregungsbahn durchläuft eine Kette dissipativer Strukturen. Abweichungen in deren Nutzung stören Fließgleichgewichte bis hin zur irreversiblen Schädigung.

Appetenzgefühle zeigen den Zustand der Erregungsbahnen. Werden Erregungsbahnen entsprechend ihrer normalen Aktivität zu wenig benutzt, sind Stauungen die Folge. Gefühlsmäßig entsteht ein Drang zur Benutzung der Erregungsbahn (Appetenz). Der Abbau der Stauung wird positiv empfunden. Bei Auszehrung entsteht ein Bedürfnis zur Ruhe (wiederum Appetenz).

Was ein Organismus kann und ist, wird evolutionär mit Fitness begründet, Beispiel Hunger -> Essen. Der Wille wird über die Appetenz dazu gedrängt. ABER: Der Wille strebt nach Gefühl, nicht nach Fitness. Im Streben nach Gefühl missbraucht der Wille seine eigentliche Funktion der Koordinierung. Beispiel: Nach Hungern schmeckt das Essen besser. Das Essen wird besonders präsentiert. Oder das Vorspiel beim Sex. Der Wille verändert das Fitnessverhalten und der Evolution bleibt nur die Wahl auf die Funktion Koordinierung zu verzichten oder dieses geänderte Verhalten zu akzeptieren, d.h. Der Wille verändert die Evolutionsrichtung.

Die psychologische Kategorie Wille ist der Vermittler zwischen den Wünschen der einzelnen Erregungsbahnen und den Handlungen des Gesamtorganismus. Die einzelnen Erregungsbahnen melden ihre Appetenzgefühle oder Handlungsforderungen, der Wille koordiniert diese zur Gesamthandlung. Oft sind Kompromisse notwendig. Der Wille wird dort wichtig, wo das Objekt der Erregungsbahnen nicht kontinuierlich vorhanden ist. Dies ist bei Erregungsbahnen, wo das Objekt der Aktivierung dieser Bahn außerhalb des Organismus liegt, wahrscheinlicher. Bei den Erregungsbahnen Heimat z.B. befindet sich das Objekt außerhalb, bei physiologischen Regelprozessen ist das Objekt im Organismus, also immer vorhanden.

Je aktiver eine Erregungsbahn, desto intensiver das Gefühl. Starke Gefühle bedürfen aktive Erregungsbahnen. Je aktiver die Erregungsbahn, desto größer Stauungen und Auszehrungen. Leben ist Aktivität. Starke Erregungsbahnen erzeugen mehr Freude aber auch mehr Leid. Wenn eine aktive Erregungsbahn nicht benutzt werden kann, folgt Leid. Glück und Leid gehören zusammen. (Gedanken dazu).

Liebe besteht aus vielen aktiven Erregungsbahnen mit einem entsprechenden Objekt. Liebe ist egoistisch. Die Pflege des Objektes dient dessen Erhaltung, weil die Erregungsbahnen dieses Objekt benötigen. Liebe ist auch zu Waffen usw. möglich.

Je größer die Stauung und je schneller dessen Abbau, desto stärker das Gefühl. Umgekehrt gilt dieses auch für Auszehrungen. Bei großem Durst ist Trinken ein Genuss.

Gewohnheiten ergeben sich aus verfestigten Erregungsbahnen. Durch wiederholte Handlungen, meist unter gleichen Bedingungen, verfestigen sich die erfüllenden Erregungsbahnen.

Hobbys sind im Gehirn als aktive Erregungsbahnen präsent. Die willentliche (sprachliche) Bejahung begünstigt diese Bahnungen.

In der Ontogenese entstehen der Wille und damit die Gefühle wie selbstverständlich durch die fortschreitende Differenzierung der Hirnstrukturen. Damit ist am Gefühl eines Säuglings der Grad der Hirndifferenzierung zu erkennen.

Michel de Montaigne schrieb: ".. aus lauter Flicken und Fetzen so kunterbunt unförmlich zusammengestückt ist, das jeder Lappen jeden Augenblick sein eigenes Spiel treibt." Laut Bahngliederung: Die Lappen und Fetzen sind die vielen kleinen Erregungsbahnen, welche den Willen ihr Verhalten aufzwängen.

Der Neurologe Antonio Damasio betrachtet die Gefühle sogar als eine Art Sinnesorgan, mit dessen Hilfe das Gehirn beständig den Zustand des zu ihm gehörenden Organismus beobachtet: "Das Gehirn lauscht wie ein aufmerksamer Zuschauer ununterbrochen in den Körper hinein und wird von dort pausenlos mit Signalen bombardiert." Die Wahrnehmung dieser Signale werde dann als Gefühl empfunden. Laut Bahngliederung: Es nur noch ein kleiner gedanklicher Schritt zum Begriff Erregungsbahn. Laut Bahngliederung lauscht das Gehirn nicht als aufmerksamer Zuschauer, es wird von den tätigen Erregungsbahnen gedrängt! Die eine Erregungsbahn will dies, die andere jenes.

Erregungsbahnen (z.B. Reflexe) funktionieren nach den Prinzip Reiz -> Reaktion. Nun ist der Wille als Entscheider in dieser Reaktionskette tätig. Er kann die Reaktion verändern oder verhindern (z.B. die Hand wird vom heißen Gegenstand nicht entfernt). Die Hand auf dem heißen Gegenstand zu lassen, erfordert Anstrengung.

"Die Unterbrechung eines integrierten oder organisierten Handlungssequenz bewirkt einen Zustand der physiologischen Erregung, dem emotionales Verhalten folgt. D.h. Mandler postulierte die Unterbrechung organischer Handlungssequenzen als eine der zentralen Ursachen physiologischer Erregung." Quelle
Dies ist doch ganz nah an der Bahngliederung! Die organischen Handlungssequenzen sind Erregungsbahnen. Wenn der Wille als Entscheider diese Sequenz unterbricht, entstehen dort Stauungen. Und diese werden emotional spürbar. Der Wille wird gedrängt (Appetenz).

"...ab und behaupten, diesem Verhalten liegen freier Wille zu Grunde. Ähnliche Ergebnisse bezüglich des Selbstbetruges des Bewußtseins liefert Libet mit seinen neurologischen Versuchen. Aus diesen - hier nur angedeuteten Versuchen - läßt sich folgern, daß das Gefühl eine Handlung aus freiem Willen durchführen oder unterlassen zu wollen in sehr vielen Fällen Selbstbetrug ist. Außerdem leitet sich auch daraus ab, daß die Selbstbeurteilung der eigenen Verhaltensfreiheit keine objektive Grundlage hat." Quelle

Die Entscheidungen des Willens werden mit Positiv- bzw. Negativgefühlen beantwortet. Der Wille entscheidet über die Handlungen. Im Streben nach maximalen Gefühlen kann der Wille seine eigentliche Funktion missbrauchen (Drogen, Alkohol, laute Musik, Orgasmus). Je stärker der Reiz, desto heftiger die Handlung einer Erregungsbahn und desto intensiver die Positivgefühle bei gestauten Erregungsbahnen, z.B.: Lautstärke bei Konzerten, stark gewürzte Speisen, besonders gut ausgebildete äußere Geschlechtsmerkmale. Der Wille missbraucht seine Macht.

Antonio Damasio machte die "Theorie der somatischen Marker" populär: Alle Erfahrungen eines Individuums werden emotional markiert. Muss man nun eine Entscheidung treffen, erlaubt dies eine rasche, unbewusste Bewertung der gegebenen Situation. Personen mit geschädigtem präfrontalem Kortex dagegen können nicht mehr auf frühere Markierungen zurückgreifen und müssen folglich jede Situation neu bewerten. Laut Bahngliederung zeigen die Marker der Zustand der Erregungsbahn.

Bei Psychischer Sättigung sind die Erregungsbahnen überdurchschnittlich benutzt, der Wille wird per Appetenz wird gedrängt, diese Bahnen zeitweilig nicht mehr zu nutzen.

Weitere Beispiele

  1. Ein Zitat von W. J. Goethe: "Arbeite nur, die Freude kommt von selbst". Die wiederholte Tätigkeit führt zum Aufbau entsprechender Erregungsbahnen und diese möchte dann auch benutzt werden. Während des Aufbaues sind Auszehrungen zu erwarten und damit Negativgefühle. Die später aktiven Erregungsbahnen fordert ihre Benutzung. Die Benutzung wird als Freude gespürt.
    Wie ist doch erstaunlich, wie Lehrlinge am Achtstundentag verzweifeln. Später ist die Arbeit ein Bedürfnis.
  2. Die Vorfreude versucht, eine Stauung zu erzeugen, um diese dann intensiver abbauen zu können. Die Gefühle sind durch die Stauung und deren schnellen Abbau stärker.
  3. Leid ergibt sich aus dem (sprachlichen) Negieren vorhandener Erregungsbahnen. Aktive Erregungsbahnen dürfen nicht mehr leben. Ohne die sprachliche Beeinflussung ist das Leidempfinden viel geringer.
  4. Das Gefühl Heimat ist mit vielen Objekten verknüpft. Intern gibt es viele Erregungsbahnen, welche diese Heimat erkennen und sicher erleben lassen. Jedes Detail des Objektes ist bekannt (z.B. die Strassen, Die Details in der Wohnung, eine wacklige Brücke, ein böser Nachbar, eine klemmende Tür).
  5. Wenn das Objekt fehlt, ist die zugehörige Erregungsbahn unbenutzt. Um dies zu vermeiden, kann ein Ersatzobjekt helfen. Einfach die Genauigkeit der Erkennung verringern und schon passt das eigentlich "falsche" Objekt. Alkohol verringert die Erkenntnisgenauigkeit. Positivgefühle sind möglich - das fehlende Objekt ist vorhanden.
  6. Verliebsein passiert auf (bewusster) Täuschung. Es fehlt das Objekt zur aktiven Erregungsbahn. Durch Ungenauigkeit der Erkennung passt das Objekt. Die Erregungsbahn kann "leben". Verliebsein funktioniert bei schlechter Menschenkenntnis, meist in der Jugend. Das geliebte Objekt wird verbogen, wird in die gewünschte Form gepresst.
  7. Bei Hunger schmeckt das Essen besser. Wegen der Auszehrung sind die (Appetenz)Gefühle stärker.
  8. Beim Sexualverhalten wird bewusst versucht, die Stauung zu erhöhen. Der schnelle Abbau erhöht die Positivgefühle. Für die Fortpflanzung ist dieses Aufschaukeln (Vorspiel, Flirten) nicht erforderlich. Der Orgasmus ist durch das Verhalten der Vorfahren vererbt, angestrebt. Der Wille hat seine Funktion im Streben nach Gefühl egoistisch missbraucht. Es wird eine eigentlich nicht notwendige Stauung aufgebaut und durch den Orgasmus schnell abgebaut. Die Gefühle sind stärker.
  9. Tiere benutzen immer den gleichen Pfad, nicht weil dieser beständig optimal bleibt, sondern weil Erregungsbahnen - gewohnheitsmäßig - aktiv sind. Die Appetenz weist den Weg. Der Wille gehorcht und wird mit Positivgefühl belohnt.
  10. Mütter behandeln ihre erwachsenen Kinder so, als wären diese noch recht unselbständig. Als benötigen diese weiterhin der elterlichen Fürsorge. In der Mutter sind starke Erregungsbahnen der Nachwuchspflege aktiv. Die jahrelang geprägten Erregungsbahnen leben noch, es schmerzt (leidvoll), diese zu abzubauen. siehe
  11. Der Tod eines eng vertrauten Menschen erzeugt Negativgefühle. Viele über Jahre geprägten Erregungsbahnen können nicht mehr benutzt werden. Das Objekt fehlt.
  12. Das sei "konsistent" mit der Hypothese, dass Vertrautheit einen erheblichen Anteil an Attraktivität hat: Artikel bei Spektrum
  13. Ein Gegenstand interessiert ganz unterschiedlich. So kann ein Botaniker Feinheiten in der Natur erkennen. Er hat eben auch viele "botanische" Erregungsbahnen. Andere Menschen sehen und fühlen da nichts. Es fehlen ihnen die entsprechenden Erregungsbahnen.
  14. Zitat von Konfuzius:
    „Beobachte, wie er handelt, betrachte seine Motive und untersuche, worin er seine Ruhe findet. Wie könnte ein Mensch dir dann noch etwas verbergen?“
    Motive und Ruhe zeigen aktive Erregungsbahnen und damit letztlich das eigene Ich.
  15. Eine von den eigenen Gewohnheiten abweichende Lebensform wird nicht negativ empfunden, weil diese schlechter als die eigene ist, sondern nur wegen der Abweichung. Es gibt keine aktive Erregungsbahnen für die andere Umgebung. Die Vorstellung, in einer fremdem Umgebung leben zu müssen, wird mit Negativgefühlen beantwortet. Sprachlich wird die fremde Gegend abgelehnt.
  16. In psychologischen Lehrbüchern werden die Gefühle verglichen mit einem langsam vollaufenden Eimer Wasser, welcher von Zeit zu Zeit ausgeschüttet werden muss. Dies läßt mittels Erregungsbahnen leicht erklären. Die Unterbeanspruchung führt zu Stauungen. Die Benutzung (Abbau der Stauungen) wird positiv empfunden. (Je höher die Stauung, desto größer das Positivgefühl beim Abbau). Dann werden die Erregungsbahnen nicht benutzt. Langsam entstehen wieder Stauungen.
  17. Der mittels Wille angestrebte Abbau einer unguten Gewohnheit (z.B. das Rauchen) wird von Appetenz zur Beibehaltung der Gewohnheit begleitet. Die noch aktiven Erregungsbahnen fordern über Appetenz deren Benutzung.
  18. Thomas Mann: „Die Gewohnheit ist ein Seil. Wir weben jeden Tag einen Faden, und schließlich können wir es nicht mehr zerreißen.“ Die Benutzung verfestigt die Bahnen und werden schwer lösbar.
  19. Optimal ist die Vorbereitung einer Erregungsbahn auf eine zu erwartende Benutzung. Auszehrungen werden so vermieden.
  20. Besinnliche Minuten vor den Essen (Tischspruch) oder das Anstellen in der Kantine bringen eine bessere Verträglichkeit und das Essen schmeckt besser. Warum? Die Erregungsbahnen werden vorbereitet, Stauungen werden (bewusst) erzeugt.
  21. Die Vorfreude auf eine Reise erhöht den emotionalen Gewinn der Reise. Vorab erzeugte Stauungen können abgebaut werden.
  22. Indem bestimmte Gegenstände (z.B. das gute Geschirr, der gute Anzug, Weihnachtsfiguren) nur zu besonderen Anlässen benutzt werden, wirken diese Gegenstände anregend auf die Stimmung der entsprechenden Tage. Zeitliches Zusammentreffen führt zur "Vorbereitung" der Erregungsbahnen auf die zu erwartende Benutzung. Stauungen werden entsprechend angehäuft. Werden aber diese Gegenstände immer benutzt, verlieren diese ihre anregende Funktion.
  23. Sexuelle Erregung sollte nur zugelassen werden, wenn auch die Möglichkeit zur Befriedigung besteht. Ansonsten entstehen Stauungen und die zeitliche Konditionierung wird gestört. Erregung ohne Abbau stört die vorhandene Konditionierung (Potenzprobleme).
  24. Den "inneren Schweinehund überwinden" bedarf willentlicher Anstrengung. Erregungsbahnen wollen keine Veränderungen und erniedrigen aus Effizienzgründen ihren Aktivitätsgrad.
  25. An der Mimik lassen sich vorhandene Erregungsbahnen und Stauungen erkennen. Eine gestaute Erregungsbahn bewirkt beim Erkennen ihres Reizes eine allgemeine (ungewollte) Aktivierung (ARAS). Aktive Erregungsbahnen ermöglichen Leistungsfähigkeit und Positivgefühle. Dies lässt sich testen. Einfach verschiedene Gebiete ansprechen und die Reaktion beobachten. Dann detailliert weiter ansprechen. Wahrsager arbeiten nach diesem Prinzip (und andere auch).
  26. Wenn der Wille die Handlung determiniert, so ist Lernen möglich. Eine bestehende Erregungsbahn wird "verbogen". Z.B. ist beim Erlernen einer handwerklichen Fähigkeit zu erkennen, welche vorhandene Erregungsbahn willentlich "verbogen" wird. Auch ist an den Fehlern bei der Ausführung die Ausgangsrregungsbahn ersichtlich. Der Wille missbraucht seine eigentliche Funktion und erzeugt Ungleichgewichte in den Erregungsbahnen. Geändertes Tun verfestigt die neuen Erregungsbahnen.
  27. Artikel von Prof. Brodbeck:
    Vor allem aber: Nicht nur Edelmans Theorie, auch die Erfahrung zeigt, dass es keinen Denkprozess ohne begleitende Emotion gibt. Emotionen sind nicht nur kein Störfaktor, wie der Rationalismus behauptet, der das Denken auf bloße Logik reduziert. Im Gegenteil. Ohne die Bewertung von kognitiven Karten durch Emotionen, ohne - worauf Oliver Sacks und Israel Rosenfield besonders hinweisen - Körpergefühl ist ein sinnvoller und kreativer Denkprozess unmöglich. Die »emotionale Intelligenz«, neuerdings in aller Munde, hat tiefe neurologische Wurzeln. Und diese notwendige Dimension fehlt jeder simulierten Cyber-Welt der Expertensysteme und Planspiele.
  28. Im Ort ist durch Baumaßnahmen die Ausgangsstrasse für mehrere Monate gesperrt. Auf Nebenstrecken muss ausgewichen werden. Die ehemalige, stillgelegte Bahnstrecke ist so eine Nebenstrecke. Täglich wird nun dieser Weg befahren. Anfangs hat es öfters geknallt. Wieder ein Schlagloch oder einen Stein übersehen! Stück für Stück prägte sich der Weg ins Gedächtnis ein. Jede Biegung, jede Unebenheit ist nun vorab bekannt. Es war und ist viel im Gehirn zu speichern. Die gesperrte, glatte Strasse war einfacher zu merken. Nun kann gesagt werden, dies doch alltäglich. Solches gibt es oft. Dies aber genauer betrachtet:
    1. es ist ein großer Aufwand, all die Unebenheiten im Gehirn zu speichern
    2. der jetzt benutzte Weg verändert das Gedächtnis, der Weg benötigt mehr Speicher
    3. wenn eine Unebenheit übersehen wurde, so ist sofort das ARAS aktiviert. Die Stelle wird beim nächsten Fahren besonders beobachtet. Das Gehirn merkt sich genau die Stelle.
    4. Der Weg hat nicht nur das Gedächtnis verändert. Auch das Heimatgefühl wurde verändert. Denke ich an die Heimat, so denke ich an den Bahnweg. Die gesperrte Strasse war einfacher zu merken (kein Schlagloch, keine Schwelle). Der Bahnweg erfordert viel Gedächtnisleistung. Das Gefühl Heimat lenkt zum Bahnweg. Die Strasse ist emotional unwichtig.
  29. "Die Zeit heilt Wunden". Erregungsbahnen werden umgebaut, angepasst an die neue Situation. Die Gefühle bestätigen das neue Sein.
  30. Als Beispiel wird bei der Erklärung von Emotionen erwähnt: Trauer ist der Zustand, in dem man sich befindet, wenn man ein geliebtes Objekt verloren hat. Die Erregungsbahn wird überflüssig, weil das Objekt fehlt. Die Appetenz der Erregungsbahn geht ins Leere. In krankhaften Fällen werden ähnliche Objekte "verbogen" und sollen als Ersatzobjekt für die bestehenden Erregungsbahnen dienen.
  31. Die James-Lange-Theorie führt Emotionen auf körperliche Zustände und Veränderungen zurück: Die Vielfalt der körperlichen Veränderungen ist also nach James die Grundlage für unser reiches emotionales Erleben. Dies läßt sich mit Erregungsbahnen leichter erklären.
  32. Geplante Handlungsketten beanspruchen ein Vielzahl neuronaler Zentren. Die wahren Entscheider: Emotionen Täglich erleben wir neu, wie unser Handeln von unseren Gefühlen gelenkt wird - in manchen Fällen vorbei an der Bastion der Vernunft. Etwa wenn wir panisch vor einer harmlosen Ringelnatter zurückweichen; wenn wir aus Wut mit Geschirr um uns werfen; wenn wir zeitweilig zu nichts anderem imstande sind, als verliebt das Wiedersehen mit dem oder der Auserwählten herbeizusehnen.
  33. Das Sprichwort "jeder nach seiner Fasson" ist leicht mit Erregungsbahnen deutbar. Innen sind die Erregungsbahnen, außen das Objekt. Jeder hat seine eigenen Erregungsbahnen und damit die zu den Erregungsbahnen passenden äußeren Objekte.
  34. Zitat von Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi: "Das Glück besteht nicht darin, daß du tun kannst, was du willst, sondern darin, daß du immer willst, was du tust.". Also solche Erregungsbahnen aktivieren, die auch genutzt werden können. Das Objekt ist verfügbar.

Der Rhythmus

Wie können die einzelnen Erregungsbahnen ihren Zustand den Willen mittteilen? Es gibt neben der Erregungsbahn und der Glia keine weiteren Signalwege.
These: Über den Rhythmus des Feuerns teilen die Neurone und Erregungsbahnen ihren (dissipativen) Zustand mit. Deshalb das periodische Feuern der Neuronen. Deshalb kann Musik Gefühle erwecken. Die heutige Erklärung, Musik die der Partnerwerbung, ist dagegen äußerst schwach.

Sprache und Emotion

Bekannt ist, dass sich bei Änderung eines Engramms (z.B. einer weltanschaulichen Ansicht) Erregungsbahnen umbilden. Jeder Mensch hat wie der Fingerabdruck sein anatomisch einmaliges Gehirn. Engramme, auch sprachliche, sind eben in der Mikroanatomie (also strukturell) sichtbar.

Wenn eine Tätigkeit (Beruf, Weltanschauung, Hobby) das tägliche Leben bestimmt, so ist diese entsprechend im Gehirn intensiv abgebildet in den vielen kleinen Synapsen und Fließgleichgewichten innerhalb der Neuronen. Eine Änderung erfordert entsprechend viel Änderung in Synapsen und Neuronen. Die Fließgleichgewichte sind bei Änderung, wenn auch nur zeitweilig, gestört.
Nehmen wir an, der Organismus ist an keiner Änderung interessiert (z.B. aus Effizienzgründen), dann muss er sich gegen die Änderung wehren. Wie kann er es? Ganz einfach, durch entsprechende Appetenzgefühle. Die Appetenzgefühle sollen helfen, die bestehenden Erregungsbahnen zu erhalten.

Wenn nun die Gefühle (Appetenz-, Positiv- oder Negativgefühle) helfen, die bestehende Ordnung zu erhalten, dann sind Gefühle kein Resultat eines Denkprozesses, sondern bejahen die vorhandenen Engramme, bejahen die vorhandenen Erregungsbahnen. Ein Appetenzgefühl deutet auf eine vorhandene Erregungsbahnen hin.

Aus beiden Ansätzen ergibt sich: Wenn ein Gedanke negativ empfunden wird, so ist dies kein Hinweis, das der Gedanke falsch ist, sondern nur ein Hinweis für eine Abweichung. Umgekehrt bejahen Positivgefühle die bestehenden Erregungsbahnen. Gefühle taugen nicht zur Unterscheidung in richtig und falsch, in gut und schlecht. Gefühle zeigen Abweichungen vom Bestand und sind damit nur bedingt für die Ratio nutzbar. Gefühle zeigen die Abweichung, nicht die Richtigkeit.

Damit ist eine Denkfalle bei Fanatikern erklärt. Fanatiker haben keinen genetischen Defekt. Wenn die Menge an Ansichten (=Engrammen) das Gehirn beherrscht, so sind auch entsprechend viele Gefühle spürbar. Je mehr Weltanschauung, desto mehr Positivgefühle zu dieser. Und desto mehr Beschäftigung mit dieser Weltanschauung. Ein Spruch von Goethe: "Arbeite nur, die Freude kommt von selbst" beschreibt dies verständlich. Nach bisherigem Denken zeigen die Gefühle die Richtigkeit der Ansichten, sind Ratschläge für richtiges Handeln. Also wird die bestehende Weltanschauung erweitert, die Beschäftigung damit bringt gesteigerte Positivgefühle (positive Valenz und hohe Erregung). Es ist ein fataler Kreislauf, es schaukelt sich auf. Ein Fanatiker entsteht. Der Terrorist lebt konsequent. Es ist kein genetischer Defekt, welcher den Fanatiker bis in die Selbstzerstörung treibt. Es ist die fatale Folge der heutigen Kultur, Gefühle seien Ratgeber.

Schuld an dieser Terror-Misere ist nicht die Arbeitsweise des Gehirns. Es ist die heutige Weltsicht, das Appetenzgefühle das Denken unterstützen. Richtig dagegen ist: Appetenzgefühle zeigen und bejahen die Existenz bestehender Erregungsbahnen. Die Wahrheit können Gefühle nicht bewerten. Gefühle bewerten die Abweichung.



Juni 2017