Laut Konnektomgliederung verlaufen die Erregungen von den Rezeptoren über viele Neuronen (besser Fließgleichgewichten im Neuron) in Richtung Erfolgsorgan. Dies nicht geradlinig, sondern mit viel Konvergenz und Divergenz und evolutionsgeprägt oft über Umwege.

Dabei ist es durchaus verständlich, dass sich die unzähligen Bahnen an manchen Stellen funktionell konzentrieren. Irgendwo müssen die verbundenen Neuronen strukturell hin. Aber diese Kerne und Areale sind Struktur. In lokalen Strukturen werden höchstens Fragmente eines funktionellen Teils sichtbar und dort laufen auch Bahnen für andere Funktionen durch. Damit ist die Konnektomgliederung kein Widerspruch zur Lokalisation.

Ein Vergleich: Um das Funktionieren einer Maschine zu verstehen, bedarf es der funktionellen Gliederung. Jedes funktionelle Teil hat eine Funktion für das Ganze. Beim Auto sind dies z.B. Motor, Fahrgestell, Bremsen, Beleuchtung usw. Dagegen sind Schrauben, Blechteile, Leitungen usw. strukturelle Teile. Letztere ergeben die Stückliste. Die funktionelle Gliederung bündelt jene Teile, welche an einer Funktion beteiligt sind. Die Aussage "Irgendwie sind mehrere Teile an der Funktion beteiligt." zeigt, das funktionell falsch gegliedert wurde. Wird das Auto über die Schrauben und Blechteile erklärt, bleibt die Funktion unverstanden. Wie schon erwähnt, bei korrekter Gliederung wird eine Funktion durch ein funktionelles Teil erfüllt.

Wie ist dies beim Gehirn? Das heutige Wissen stammt aus der Anatomie, also der sichtbaren Struktur. Verständlich daher, die Funktion aus den sichtbaren Teilen erkennen zu wollen. Bei Maschinen gibt es vorab einen funktionellen Bauplan. Beim Gehirn gibt diesen Plan nicht. Die über viele Jahre dauernde Anatomieforschung prägt das heutige Denken. Aber diese Tradition erschwert leider das Umdenken von räumlich abgrenzbarer zur funktionellen Gliederung. Funktion lässt sich im Gehirn nicht lokal abgrenzen, siehe. Damit ist nicht nur erklärt, was falsch ist, sondern auch warum. Wird eine Maschine über die Stückliste erklärt, bleibt diese unverstanden. Aber genau so, mittels der lokal abgrenzbaren Teile, wird das Gehirn erklärt.

Funktion wird im Verbund spezialisierter Hirnareale realisiert (modulares Gehirn, Anatomisch-funktionelle Gliederung), so das heutige Denken. Aber dann wird enttäuscht bemerkt: "Irgendwie ist Funktion im Zusammenspiel aller Teile verborgen." Wer dies sagen muss, hat falsch gegliedert! Also sind jene Teile zu bündeln, welche bei einer Funktion aktiv werden. Es sind nachweislich Bündel ganz spezifischer Bahnen, sichtbar als Erregungsmuster (auch Aktivierungsmuster genannt). Die einzelnen Erregungen verlaufen meist vom Rezeptor zum Erfolgsorgan. In Millisekunden erreicht die Erregung ihr Ziel. Dabei verlaufen die Bahnen oft recht umständlich und nicht linear durch viele Hirnareale. Eine Erregung durchläuft viele Neurone, wird durch andere Bahnen verstärkt, andere hemmen.

Bei Hirnscans werden Erregungsmuster ausgewertet. Leider sogleich die fatale Reduzierung zum Bildlichen, zur anschaulichen Struktur. Aktive Kerne werden farblich als funktionelles Teil gekennzeichnet. Funktion wird sichtbar durch konvergente und divergente Bahnen realisiert, aber weiterhin werden Areale als funktionelle Zentrum definiert! Warum wird dieser logische Fehler ignoriert?
Eine solche Unsicherheit gab es schon. Obwohl die Kugelform der Erde bekannt, wurde diese weiterhin in gewohnter Manier als Scheibe verstanden. Lange bestand die Angst, am Rand der Erde ins Nichts zu fallen. Wie viel Zeit zum Umdenken wird diesmal benötigt?

  1. Die möglichen Varianten der Verschaltungen und damit Bahnwege sind nahezu unendlich.
  2. Die Bahnen verfügen über alle eingehende Reize, konvergieren und divergieren vorgeprägt.
  3. Ein Reizmuster erzeugt nur dann ein Erregungsmuster, wenn es passt (oder scheinbar passt). Alles andere verläuft ins Leere.
  4. Die Erregung läuft einfach durch, wird hinterher bewertet und gegebenenfalls in ihrem Lauf verändert.
  5. Ein paar Synapsen geändert und schon ist die Funktion eine andere. Dies ermöglicht eine hohe Flexibilität mit wenig Aufwand.
  6. Wenn Bahnbündel die Funktion erfüllen, so sind diese bei jedem Gehirn anders verschaltet.
  7. Eine Funktion wird durch das jeweilige ein funktionelles Teil realisiert.
  8. Astrozyten befinden sich zwischen den Bahnen, also zwischen funktionellen Teilen.
  9. Die Bahnen wurden sukzessive differenziert. Erst Hell/Dunkel-Unterscheidung, heute Detialerkennung. Immer filigraner wurden die Bahnen im Laufe der Evolution. Die Bahnverläufe zeigen Evolution!
  10. Die Benutzung und der Erfolg der Bahnen prägen die strukturelle Basis, das Gehirn.
  11. Das Bahnen bestimmen unser Ich, nicht die Areale (siehe "Das Konnektom")

Also, logisch und konsequent bleiben. Die Bahnbündel sind selbst die funktionellen Teile! Ein Umdenken wird erforderlich von der bisherigen, lokal strukturellen zur funktionellen Gliederung! Psychische Aktivität wird in den Bahnen generiert. Daraus lässt sich viel ableiten, z.B. Wille und Gefühl

Was ist nun anders? Hirnareale bestehen aus Nervengewebe, also aus den Zelltypen Neuron und Gliazelle. Die Bahnbündel dagegen bestehen aus Neuronen, verbunden über Synapsen. Gliazellen begleiten diese Bahnen (Schwannsche Zellen) und wirken zwischen diesen Bahnen (Astrozyten). Jetzt befinden sich Astrozyten zwischen funktionellen Teilen und nicht mehr in ihnen.